EU Conference on Licensing Systems for Club Competitions

Die wichtigste Erkenntnis dieser Konferenz war die breite BefĂŒrwortung einer konkreten und weitreichenden Lizenzierung, insbesondere in Hinsicht auf finanziell nachhaltige Re- Investition der realen Einnahmen.

Die Teilnehmer der Konferenz

Nach BrĂŒssel eingeladen und angereist waren Vertreter der Politik (EuropĂ€ischer Kommission, Europaparlament, Council of Sports sowie nationaler Regierungen), der internationalen VerbĂ€nde (u.a. UEFA, EPFL, FIFA, EOC, int. Eishockeyverband, Euroleague Basketball, ECA, Rugby Football Union), der nationalen VerbĂ€nde (Fußball, Rugby, Basketball, Handball, Eishockey u.a. aus Deutschland, England, Spanien, Frankreich, Italien, Niederlande, Ukraine, Luxemburg, Slowakei, Schweden, Polen, Portugal), einiger Vereine (u.a. Bayern MĂŒnchen, Bayer Leverkusen, Lokomotive Moskau, FC Barcelona, Olympique Lyon), der Spieler (Vereinigungen der Vertragsfußballspieler aus Deutschland, Spanien, England, Belgien und Europa), der Spielervermittler, des Sportartikelherstellerverbandes sowie einiger Fanorganisationen.

Die Fanvertreter bzw. die Fanorganisationen wurden von der europĂ€ischen Kommission direkt eingeladen. Dabei waren zum Einen integrativ und antidiskriminierend aktive Organisationen eingeladen (FARE, Kick it out) und zum Anderen Supporters Direct Europe sowie 3 weitere Organisationen, die innerhalb der Arbeitsgruppe „europĂ€ische Lizenzierung“ von Football Supporters Europe (FSE) aktiv mitarbeiten, je einen Vertreter zu entsenden: Federacion Accionists y Socios del Futbol Espanol (Emilio Abejon), Supportersfederatie Profclubs (Dirk Vos, Belgien) und Unsere Kurve (Ulrike Polenz). Antonia Hagemann (SD Europe) leitete wĂ€hrend des europĂ€ischen Fankongresses den Workshop europĂ€ische Lizenzierung und ist seitdem federfĂŒhrend fĂŒr die FSE- Arbeitsgruppe verantwortlich, Emilio und Dirk sind gewĂ€hlte FSE- Kommissionsmitglieder und vertraten in BrĂŒssel neben ihren nationalen Organisationen auch die FSE, Ulrike ist an der Ausarbeitung des Unsere Kurve- Positionspapiers zur europĂ€ischen Lizenzierung beteiligt (dieses wurde zusammen mit Fanvertretern aus Hamburg, Frankfurt und Köln fĂŒr die FSE- Arbeitsgruppe erstellt) und innerhalb der FSE- Arbeitsgruppe aktiv.
Supporters Direct Europe hatte in Kooperation mit der FSE- Arbeitsgruppe im Vorfeld der Konferenz ein ExposĂ© ausgearbeitet, welches die Grundlage fĂŒr Antonias Rede in BrĂŒssel und die gemeinsame Positionierung der Fanvertreter zur europĂ€ischen Lizenzierung darstellt. Die hierin enthaltenen Kernpunkte sind spĂ€ter in diesem Bericht ausfĂŒhrlicher dargestellt, darunter sind auch diejenigen aus dem Positionspapier von Unsere Kurve.

Im Vorfeld gab es bereits wichtige Entwicklungen

FĂŒr die Inhalte der BrĂŒsseler Konferenz war die Einigung auf das gemeinsame „pro Lizenzierung“ aller 53 UEFA- Mitgliedsstaaten sowie der European Club Association (ECA) besonders wichtig. In einer gemeinsamen Tagung im französischen Nyon hatten diese beiden Organisationen bereits grĂŒnes Licht fĂŒr die europaweite Schaffung von effektiv wirkenden Mindestanforderungen fĂŒr Vereine gegeben. Zudem wurde vom UEFA Exekutivkomitee die EinfĂŒhrung dieser Maßnahmen beschlossen, wodurch in BrĂŒssel nicht mehr das „ob“ sondern das „wie“ und „was“ in den Vordergrund rĂŒcken konnte. In Nyon wurden zudem bereits wichtige Eckpunkte der praktischen Arbeit entwickelt. So wird zum Einen von der UEFA ein unabhĂ€ngiges „Club Financial Control Panel“ unter dem Vorsitz von Jean- Luc Dehaene eingerichtet, welches zukĂŒnftig das europĂ€ische Lizenzierungs- und Kontrollgremium darstellen wird.
Zum Anderen wurde von der ECA eine „Task Force“ eingerichtet, die sich in den kommenden Monaten besonders um die Entwicklung von aus Vereinssicht wĂŒnschenswerten Lizenzbedingungen und Sanktionen bemĂŒhen wird sowie ein Konzept zur praktischen Umsetzung erarbeiten möchte.

Die Entwicklung der europĂ€ischen Lizenz, HintergrĂŒnde

Die „Lizenzierung“ der UEFA wird seit der Saison 2004/05 basierend auf einem „manual“, einem „Handbuch“, durchgefĂŒhrt. Bereits fĂŒr die Saison 2009/10 wurde dieses ĂŒberarbeitet und bekam unter anderem durch die Bezeichnung „regulations“, quasi „Regelbuch“, einen verbindlicheren Charakter.
Die nun stattfindende Überarbeitung wird allerdings noch um einiges weitreichender sein und die europĂ€ische Lizenzierung mindestens auf den Weg bringen, eine ernstzunehmende Herausforderung fĂŒr das Management der Vereine zu werden. Das Ziel der nun begonnenen Diskussion und Entwicklung ist eine grĂ¶ĂŸere FinanzstabilitĂ€t, nachhaltige Investitionen sowie eine infrastrukturelle und sozialverantwortliche Verbesserung bei gleichzeitiger Förderung der Gerechtigkeit im sportlichen Wettbewerb.

Durch die negativen Auswirkungen von Überschuldung und Wirtschaftskrise hat in den letzten Monaten ein (beschleunigtes) weitreichendes Umdenken in fast allen Nationen und Vereinen stattgefunden.
Bis auf einige wenige Unbelehrbare haben alle erkannt, dass der aktuelle status quo nicht mehr tragbar ist und eine grundlegende Sanierung des gesamten Fußballs vonnöten ist – bevor das System kollabiert. Dabei muss selbstverstĂ€ndlich eine sinnvolle Balance gefunden werden, da sowohl zu niedrig als auch zu hoch angesetzte Lizenzbedingungen nicht zielfĂŒhrend wĂ€ren.

Diskutierte Inhalte fĂŒr die europĂ€ische Lizenz

In BrĂŒssel wurden nun verschiedene Lizenzmodelle der Fußball-, Basketball-, Handball- und RugbyverbĂ€nde auf nationaler und europĂ€ischer Ebene vorgestellt sowie Anregungen fĂŒr die zukĂŒnftige europĂ€ische Lizenzierung mitgeteilt.
Zentraler Diskussionspunkt war die Finanzdisziplin der Vereine. Durch ein „Financial Fair Play“ (FFP), das als Kernforderung der Lizenzierung angesehen wird, soll das nachhaltige Re- Investieren von Einnahmen gefördert werden und die Verschuldung der Vereine abgebaut werden. Ziel ist ein verbindlicher Saisonabschluss im „Plus“ mit nur in begrĂŒndeten FĂ€llen (z.B. Stadionausbau) zulĂ€ssigen Ausnahmen, sofern die Folgejahre die Verluste ausgleichen können.
VerstĂ€ndlicherweise gefĂ€llt diese Idee nicht allen Ligen. Insbesondere England Ă€ußerte, dass sie nicht mit allen Maßnahmen einverstanden sind: Lizenzierung fĂ€nden sie auch toll, dabei sollte die sportliche Seite im absoluten Vordergrund stehen, lediglich finanzielle Aspekte kĂ€men fĂŒr sie nicht in Frage. Sollte trotzdem das FFP als Bedingung eingefĂŒhrt werden, dĂŒrften Sanktionen in keinem Fall den Ausschluss von europĂ€ischen Wettbewerben bedeuten.

Diese Ansicht steht sehr kontrĂ€r zu den Vorstellungen der meisten Nationen, die eine möglichst weitreichende Lizenzierung insbesondere in finanziellen Fragen wĂŒnschen, um die Kostenspirale einzudĂ€mmen und den Fußball vor einer folgenschweren Pleitewelle zu bewahren. Einen tragfĂ€higen Kompromiss zu finden, der eine reelle Verbesserung in nicht allzu ferner Zukunft zulĂ€sst, wird somit die schwierige Aufgabe fĂŒr die kommenden Wochen und Monate sein.

Aus verschiedenen nationalen Lizenzmodellen (u.a. Irland, Niederlande, Deutschland, Österreich) wurden immer wieder die Vorteile deutlich hervorgehoben, die eine Reduzierung der Spielerkosten und eine nachhaltige Investition der so verfĂŒgbar werdenden Gelder nach sich ziehen: Infrastrukturelle Verbesserungen sichern langfristig die Standortsicherheit und AttraktivitĂ€t des Stadion- oder Hallenbesuchs, soziale Projekte fördern die soziale Bindung zwischen Verein und Region, das VerstĂ€ndnis fĂŒr exorbitante SpielergehĂ€lter nimmt in der europĂ€ischen Gesellschaft zunehmend ab und schafft eine Distanz zwischen Verein und Fans – durch die Umverteilung wird dieser Entwicklung entgegengewirkt.
Es sind also gute Modelle als Anhaltspunkt fĂŒr die Europalizenz vorhanden – in der Grundausrichtung herrscht weitgehender Konsens fast aller Beteiligten.

9 Monate sind fĂŒr die Ausformulierung der europĂ€ischen Lizenz vorgesehen, welche erstmals fĂŒr die Saison 2012/13 von allen Teilnehmern der europĂ€ischen Wettbewerbe vollumfĂ€nglich zu erfĂŒllen ist. Bis zu dieser Saison haben die Vereine eine Übergangsfrist, in der sie sich derart umstrukturieren können, dass sie die neuen Anforderungen und Bedingungen erfĂŒllen.
Neben dem FFP werden darin infrastrukturelle (Stadion, Anfahrt etc), administrative (Management, Fanbetreuung etc.) und sportliche (Jugendförderung, Trainingsbedingungen etc.) Kriterien die Hauptanforderungen an die Vereine bedeuten.

Eingebrachte fanrelevante Inhalte

Durch die Einbindung von Fanvertretern in die BrĂŒsseler Konferenz konnten bereits zu diesem frĂŒhen Verhandlungszeitpunkt aus Fansicht wichtige Bedingungen in die Diskussion eingebracht werden, die bisher auf europĂ€ischer Ebene kaum Beachtung fanden.

ZunĂ€chst ging es allerdings auch darum, zu verdeutlichen, welche SchlĂŒsselfunktion Fans im „Gesamtkonstrukt“ Fußball einnehmen und dass es nicht zuletzt aus wirtschaftlicher Sicht fahrlĂ€ssig ist, die Faninteressen dauerhaft zu vernachlĂ€ssigen.
Zwar zeichnen sich Fans durch eine besonders große LoyalitĂ€t gegenĂŒber ihrem Verein aus und verzeihen viele Fehler – jedoch sollte diese LoyalitĂ€t nicht ĂŒberstrapaziert werden, wenn ein Verein seine Basis und damit seinen eigenen Marktwert nicht gefĂ€hrden möchte.

Zum Anderen ging es um die speziellen Forderungen, die in Bezug auf Fanbelange innerhalb einer Lizenz durch Vereine erfĂŒllt werden sollten. Ein besonders wichtiger Punkt ist dabei die europaweite Installierung von Fanbeauftragten innerhalb der Vereins- und Verbandsstrukturen. Dieser in Deutschland bewĂ€hrte „Mediator“ sollte mittelfristig in ganz Europa die Kommunikation zwischen Fans, Vereinen und VerbĂ€nden fördern und fester Ansprechpartner in fanrelevanten Fragen sein.
In engem Kontakt zu diesem sollten Sicherheitsbeauftragte der Vereine stehen, die viele Konflikte zwischen Fans, Ordnern und Polizei durch Schaffung de- eskalierender Stadionsituationen vermeiden können.

DarĂŒber hinaus sollte auch ĂŒber die UEFA- Lizenz gesichert sein, dass Fans angemessenen Einfluss auf das Clubmanagement, die Satzung und relevante Entscheidungsprozesse innehaben, um die gesellschaftsbasierte Ausrichtung zu stĂ€rken.
Fanvertreter sollten zudem von/ aus vereinsinternen und /oder –externen Fanorganisationen gewĂ€hlt werden. Diese dienen als erster Ansprechpartner fĂŒr Vereine und stellen das fanseitige Äquivalent des Fanbeauftragten dar.
FĂŒr Vereine und Nationen, in denen keine organisierten Fanstrukturen etabliert sind, sollte die UEFA deren Aufbau fordern und fördern.

Die Kernforderung in finanzieller Hinsicht bezieht sich auf mehr Transparenz, wodurch die Clubs auch von ihrer Basis zu mehr Disziplin und Nachhaltigkeit angehalten werden dĂŒrften. DarĂŒber hinaus unterstĂŒtzen wir eine Umsetzung des FFP in möglichst weitreichender Form.

Infrastrukturell sollten vermehrt FanrĂ€ume beim Stadionbau berĂŒcksichtigt werden, GĂ€steblöcke ein Mindestmaß an Komfort bieten (Verpflegung und Toiletten) und eine Möglichkeit geschaffen werden, dass StehplĂ€tze auch bei internationalen Spielen zugelassen werden können.

Viele der von den Fanvertretern eingebrachten Forderungen wurden von europĂ€ischer Kommission und UEFA begrĂŒĂŸt, sodass die zukĂŒnftige Arbeit der FSE- Arbeitsgruppe darin bestehen wird, tragfĂ€hige und umsetzbare Konzepte in Bezug auf die erwĂŒnschten VerĂ€nderungen zu entwickeln. Unsere Kurve und der ASC werden sich hierfĂŒr weiterhin einsetzen und aktiv mitarbeiten, um weitere wichtige Fanbelange in Bielefeld, Deutschland und Europa zu etablieren. Wieweit diese Forderungen direkt Eingang in die europĂ€ische Lizenz finden, lĂ€sst sich derzeit nur sehr schwer abschĂ€tzen. Wir hoffen, dass die nun folgenden Verhandlungen viele der relevanten Punkte berĂŒcksichtigen werden. In jedem Fall ist das Bewusstsein fĂŒr Faninteressen auch auf europĂ€ischer Ebene angekommen, was mindestens einen guten Anfang bedeutet.

Wichtige Aussagen zur 50+1- Problematik aus BrĂŒssel

Im Rahmen der Diskussionen wurden auch in Bezug auf die bei uns hochaktuelle 50+1- Diskussion sehr positive Aussagen getÀtigt:
Zum Einen wurde in einem Redebeitrag der EPFL (European Professional Football League, quasi die europĂ€ische DFL) mitgeteilt, dass diese die „EigentumsverhĂ€ltnisse der Vereine als Thema angehen“ wird – was zeigt, dass dort die Problematik der in Fremdbesitz befindlichen Vereine durchaus erkannt ist und nach Lösungen fĂŒr die durch sie verursachten Gefahren gesucht wird.
Zum Anderen war eine Äußerung der EuropĂ€ischen Kommission, dass auch ein lizenzierter Mindestbesitz der Vereine an ihren ausgegliederten Kapitalgesellschaften unter die anerkannten Besonderheiten des Sports fallen dĂŒrfte und somit in keinem rechtlichen Widerspruch zu geltendem EU-Recht stehen dĂŒrften.
Der in letzterem Beitrag genutzte Konjunktiv belĂ€sst ein Restrisiko, dass der EuropĂ€ische Gerichtshof letztendlich doch anders entscheiden könnte – nichtsdestotrotz zeigt sich auf europĂ€ischer Ebene auch in dieser wichtigen Frage eine Tendenz, die zum Wohle des Fußballs und des fairen Wettbewerbs pro 50+1 deutet.

Hieraus ergibt sich fĂŒr Deutschland eine große Chance – jedoch auch eine große Gefahr.
Die Chance lautet, dass die strikte Regelung, die Vereinen vorschreibt, die Anteilsmehrheit (50% und 1 Stimme) an ihren Kapitalgesellschaften halten zu mĂŒssen, mit EU-Recht vereinbar und somit erhalten bleiben kann. Dies wĂŒrde dem Vereinsfußball langfristig seine Seele, seine gesellschaftliche Basis erhalten.
Die Gefahr besteht hingegen darin, dass der kommende DFL- Bundestag genau in dem Moment, in dem ganz Europa (außer England) umzudenken beginnt, die wichtige 50+1- Regel aufweicht und damit genau die Probleme, die Europa umdenken lassen, nach Deutschland holt. Der Antrag zur Abstimmung ĂŒber eine Aufweichung der strikten Regel wurde von Martin Kind bereits eingereicht, sodass es nun in der Hand der 36 Profilizenzinhaber liegt, eine fĂŒr den deutschen Vereinsfußball sinnvolle und langfristig kluge Entscheidung zu treffen.

Wir werden als ASC und innerhalb von Unsere Kurve unser Möglichstes dazu beitragen, dass auch in Zukunft die Entscheidungen von den Vereinen selbst getroffen werden und der Einfluss von außen in gesundem Rahmen bleibt.

WeiterfĂŒhrende Links:
Rede von Antonia Hagemann, Supporters Direct Europe
http://www.supporters-direct.org/news/item.asp?n=5584&cat=sd_eng

weitere vertretene Fanorganisationen
www.unserekurve.de
http://sfp-fsp.eu/nl/
www.fasfe.org/
www.footballsupportersinternational.com/en/

Seite der EuropÀischen Kommission, Sportbereich
http://ec.europa.eu/sport/index_en.htm

 

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