Arminia Supporters Club

EINER FÜR ALLE! ALLE FÜR DICH!


Fankongress Berlin

In erster Linie sollte der Grundgedanke, der auch hinter der Fandemo stand, durch den von ProFans organisierten Fankongress die wichtigen Fanthemen weiter voranbringen helfen. Dabei geht es auch darum, bei den Themen, die fĂŒr alle Fanszenen in Deutschland wichtig sind, mit einer Stimme und gemeinsam zu sprechen.

Die Themenvielfalt und die zahlreichen sehr guten Referenten trugen wesentlich dazu bei, dass es beim Kongress spannende und interessante Diskussionen in nahezu allen Foren gab. Neben diesen war ein sehr wichtiger Aspekt das „Networking“ – das persönliche GesprĂ€ch mit Fans anderer Vereine, aus anderen LĂ€ndern – und der dabei mögliche Erfahrungsaustausch rund um Strategien und Entwicklungen in den einzelnen Vereinen. Konkrete Ergebnisse gab es am Ende des Wochenendes zwar nicht zu vermelden, trotzdem leistet der Fankongress von ProFans einen positiven Beitrag fĂŒr die Entwicklungen im deutschen Fußball.

Der ASC war in Berlin mit einem Vertreter vor Ort, wĂ€hrend die meisten Aktiven in Bielefeld fĂŒr Fanparty und Hamburgspiel im Einsatz waren. Es geht fĂŒr den ASC dabei nicht nur an diesem Wochenende vorrangig darum, die Situation in Bielefeld selbst zu verbessern – doch auch, wenn die Energie vor allem auf Arminia konzentriert wird, ist es gleichzeitig sinnvoll, die ĂŒberregionalen Themen nicht ganz aus dem Auge zu verlieren, da in diesen deutschland- und europaweit relevanten Entscheidungen vieles dabei ist, das Auswirkungen auf den Fußball und das Fansein in Bielefeld haben wird.
Aus diesen GrĂŒnden waren auch aus der Bielefelder Fanszene vier aktiv bei ProFans engagierte Vertreter vor Ort, zudem sind sie aktiv in der „Pyrotechnik legalisieren“- Kampagne, in deren Rahmen aus der Fanszene heraus ein auf Bielefeld zugeschnittenes Konzept entwickelt worden war. Dass das positive, ĂŒberregionale Engagement bei ProFans wieder stĂ€rkere Bedeutung in der Bielefelder Fanszene bekommt, verdeutlichte dabei die PrĂ€senz beim Kongress. DarĂŒber hinaus war das Bielefelder Fanprojekt in Berlin vertreten, das ĂŒberregional u.a.  in der AG Fanbelange des DFB mit einem Sitz fĂŒr die Fanprojekte vertreten ist. Insgesamt ist Bielefeld damit auf ĂŒberregionaler Ebene sehr stark vertreten, wenngleich dieses Engagement keine schnellen VerĂ€nderungen bewirkt, sondern vielmehr weitere Einschnitte in die Fankultur in Deutschland zu verhindern sucht.

Immer wieder tauchen als mögliche Einschnitte beispielsweise die Reduzierung der StehplĂ€tze, personalisierte Eintrittskarten oder auch EinschrĂ€nkungen bei AuswĂ€rtsfahrten als „innovative“ neue Maßnahmen auf. Diese Überlegungen aus Politik, Medien und anderen Stellen durch sinnvollere LösungsansĂ€tze aus einem gemeinsamen Dialog mit den Vereinen und VerbĂ€nden heraus vermeiden zu können, war auch beim Fankongress ein immer wiederkehrender Diskussionsinhalt.

Ist es möglich, als Fan von Verbandsvertretern als ernstzunehmender GesprĂ€chspartner und wichtiger Beteiligter im Fußball wahrgenommen zu werden? Oder ist das Maximum, sich mit den VerbĂ€nden zu unverbindlichen GesprĂ€chsrunden treffen zu dĂŒrfen und damit im GesprĂ€ch und nicht aus der Presse erfahren zu können, dass Faninteressen auch in der nĂ€chsten Entscheidung nicht wichtig genug waren, um berĂŒcksichtigt zu werden? Wohin geht die Reise im modernen deutschen Fußball?

Das Programm des Kongresses beleuchtete verschiedene Problemfelder und bot den Rahmen fĂŒr wichtige Diskussionen, generellen Erfahrungsaustausch und das beleuchten von HintergrĂŒnden.
Der Samstag stand dabei ganz im Zeichen der in Deutschland aktuellen Themen, wĂ€hrend der Sonntag einen Blick ĂŒber den Tellerrand ins europĂ€ische Ausland ermöglichte. Das Programm bot unterschiedliche Themenschwerpunkte, die meist in zwei Diskussionsforen mit vielversprechenden Referenten unterteilt waren.

Insgesamt wurden die Diskussionen auf einem sehr guten und sachlichen Niveau gefĂŒhrt, wenngleich nur wenige konkrete Ergebnisse am Ende des Kongresses festgehalten werden konnten. Nichtsdestotrotz gab es in allen Bereichen AnsĂ€tze, die in der Lage sind, Verbesserungen zukĂŒnftig erreichen zu können oder das Engagement der Fangruppen effektiver werden zu lassen. Wir ziehen daher ein positives Fazit aus dem Fankongress, selbst wenn dies nicht an konkret erreichten Zielen festgemacht werden kann.

Im Folgenden könnt Ihr eine etwas ausfĂŒhrlichere Zusammenfassung der einzelnen Foren nachlesen, außerdem findet Ihr hier das offizielle Abschlussdokument von ProFans :

1. Thema: Wem gehört der Ball? Der Fußball zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und Privatrecht

Am Vormittag ging es hier um das Thema Stadionverbote, wobei im Wesentlichen die bekannten Positionen ausgetauscht wurden. Das Podium war dabei sehr stark besetzt und mit Hendrik Große-Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) und Andre Weiß (Sicherheitsbeauftragter Energie Cottbus) konnten auch zwei Vertreter gewonnen werden, die in die Vergabe von Stadionverboten aktiv involviert sind. Dazu kamen mit Marco Noli (FananwĂ€lte), Antje Hagel (Fanprojekt Offenbach), Jannis Busse (Ultras Hannover) und Gerd Dembowski (Sozialwissenschaftler) weitere Beteiligte, die regelmĂ€ĂŸig mit der Stadionverbotsthematik zu tun haben.

Es standen sich in der Debatte teils kontrĂ€re Ansichten ĂŒber die Nutzung der Stadionverbote gegenĂŒber. Einerseits, Stadionverbote als probates, prĂ€ventives Mittel nutzen zu können (bzw. zu mĂŒssen), wohingegen auf der anderen Seite mehr und mehr das GefĂŒhl entsteht, dass das Stadionverbot nicht mehr als PrĂ€vention sondern als Ersatzstrafrecht wahrgenommen und genutzt wird, was die Akzeptanz nicht erhöht. FĂŒr Aufkleber ein Stadionverbot zu bekommen oder auch ganzen Gruppen, in denen viele Unschuldige in Generalverdacht gestellt werden, pauschal Stadionverbote auszustellen, zeugt nicht von der Anwendung, die ursprĂŒnglich vorgesehen war und wenig Kritik hervorrufen wĂŒrde. Dabei wurde jedoch auch hervorgehoben, dass es inzwischen mehr Vereine gibt, die vorbildlich mit Anhörung, BewĂ€hrungen und differenzierten Stadionverbotsdauern arbeiten. Hier wurde dementsprechend der erste Ansatz zu Verbesserungen gesehen – nĂ€mlich die standortspezifischen Unterschiede zu vermindern und die Prozesse bis zur Aussprache der Stadionverbote zu optimieren.

Am Nachmittag folgte das Thema Anstoßzeiten, bei dem deutlich herauskam, dass (am Stadionbesuch interessierte) Fans bei den Planungen keine wirkliche Rolle spielen, den WĂŒnschen der TV- Anstalten jedoch nach Möglichkeit entsprochen wird. Aus diesem Grund ist auch die HĂ€ufung von Montagsspielen fĂŒr die „grĂ¶ĂŸeren“ Zweitligavereine leicht nachzuvollziehen, wobei Verbesserungen kaum greifbar scheinen. Eine Einbindung von Fans in die Spieltagsplanungen konnte vom an der Diskussion teilnehmenden Holger Hieronymus (GeschĂ€ftsfĂŒhrer DFL) nicht in Aussicht gestellt werden, da er fĂŒr einen solchen Schritt erst RĂŒcksprache mit den Vereinen halten mĂŒsse. So blieb in diesem Bereich eher die Erkenntnis zurĂŒck, dass es noch ein schwieriger Weg ist, bis Spiele fĂŒr Stadionbesucher wieder besser planbar und organisierbar werden.


2. Thema: Fankultur als soziales PhÀnomen

Hier ging es am Vormittag rund um die Eintrittspreise und die Kampagne „Kein Zwanni fĂŒr`n Steher“. Dass es dieser nicht um die Grenze von genau 20 €, sondern vielmehr um sozialvertrĂ€gliche und faire Eintrittspreise geht, wurde hier schnell deutlich. Als anschauliches Beispiel wurde angefĂŒhrt, dass durch die inzwischen weit verbreiteten TopzuschlĂ€ge Fans des FC Bayern in der Saison 2009/ 2010 ganze 54 € mehr Eintritt zahlen mussten, wenn sie alle AuswĂ€rtsspiele ihrer Mannschaft besuchten, als es einen Fan des VfL Bochum gekostet hat, seiner Mannschaft in alle Stadien zu folgen. Auch durch die insgesamt steigende Preisstruktur verĂ€ndert sich die Sozialstruktur auf den Blöcken, was insbesondere junge Menschen und Familien trifft. Die Vereine werden ihrer sozialen Verantwortung immer weniger gerecht. Die Initiative „Kein Zwanni“ möchte dieser Entwicklung entgegenwirken und ist dabei auf die UnterstĂŒtzung möglichst vieler Fans unterschiedlicher Vereine angewiesen. Sie ruft daher alle Fans, ausdrĂŒcklich nicht nur Ultras, auf, gegen MissstĂ€nde vorzugehen und sich mit lokaler Arbeit zu beteiligen.

Der Nachmittag war der Ultrakultur und ihren Facetten gewidmet, wobei zum Einstieg verschiedene von Ultragruppierungen organisierte soziale Projekte vorgestellt wurden. Das karitative Engagement ist jedoch nur ein Aspekt, der den positiven Einfluss der Ultras verdeutlicht. Jugendlichen wird durch Ultragruppen ein großer RĂŒckhalt gegeben und ein breites Spektrum an Möglichkeiten, sich positiv fĂŒr Verein und Umfeld zu engagieren. Nicht nur bei Choreos, Fahrtorganisationen oder (karitativen) Aktionen wird immer stĂ€rker die Verantwortung der Gruppen direkt greifbar. Da das positive Engagement in der öffentlichen Wahrnehmung nicht so stark zum Tragen kommt, empfiehlt Ralf Buschmann (Redakteur des Spiegel) in der Diskussion, die Kommunikationsstrukturen zu professionalisieren. Auch ist er sich sicher, dass der Stadionbesuch ohne Ultras den meisten keinen Spaß machen wĂŒrde.


3. Thema: Die Chancen und Grenzen von Selbstregulierung, Freiheit und Verantwortung in den Fankurven

 Am Vormittag ging es in diesem Thema zunĂ€chst um Freiheiten und Fanutensilien. Wobei das Modell vorgestellt wurde, bei dem allen Fangruppen alle Fanutensilien so lange erlaubt werden, wie sie sich an wenige Auflagen halten, zu denen vor allem der Verzicht auf Pyrotechnik gehört (Dortmunder bzw. St. Pauli- Modell). Hatte das Modell noch vor wenigen Jahren sehr positive Reaktionen hervorgerufen und viele BefĂŒrworter, sieht ProFans es inzwischen als eine Form der Erpressung an, mit der bestimmte Verhaltensweisen verhindert werden sollen. Positive Fankultur hingegen benötige eine Plattform, auf der sie sich entwickeln und entfalten könne. Hierzu wurde als zweites Beispiel die Pyrokampagne als positives Beispiel fĂŒr Selbstregulierung und Eigenverantwortung vorgestellt. Gerald von Gorrisson rĂ€umte als Vertreter des DFB (Leiter Fananlaufstelle) mögliche Kommunikationsfehler ein, sieht jedoch auch keinen Ausweg aus der aktuell verfahrenen Situation. Es bleibt wĂŒnschenswert, dass ein Weg zurĂŒck zum Dialog gefunden wird und die in den Gutachten theoretisch möglichen Ausnahmen ergebnisoffen auf Augenhöhe diskutiert werden können.

Der Nachmittag war dem Thema Fangewalt gewidmet, bei dem sich erstmals auch sehr stark rivalisierende Gruppen miteinander auseinandersetzten. Die Meinungen gingen mitunter weit auseinander, trotzdem wurde die Diskussion als sehr gut und als wichtiger Schritt bewertet. Die Inhalte wurden bewusst nicht im Detail vorgestellt, sie werden jedoch in die einzelnen Gruppen hineingetragen und der Dialog zur Fangewalt fortgefĂŒhrt werden.


4. Thema: Identifikation der Fans mit dem Verein in Zeiten des „modernen Fußballs“

Am Vormittag wurden zunĂ€chst Diskussionen ĂŒber das Engagement von Fans fĂŒr den Erhalt der VereinsidentitĂ€t gefĂŒhrt. Als Beispiele wurden der Kampf um das Wappen beim VfB Stuttgart und Aktionen bei Union Berlin zum Traditionserhalt vorgestellt. Außerdem beleuchtete das Beispiel „Max-Morlock-Stadion“ in NĂŒrnberg, wie auch mit etwas neuem eine identitĂ€tsstiftende Wirkung fĂŒr Verein und Fanbasis erreicht werden kann. Dass sich Fangruppen aktiv fĂŒr Traditionen und Werte des Vereins engagieren, steht mit dem Ultragedanken in direkter Verbindung. Dabei wurde angemerkt, dass es mitunter von Vorteil sein könne, solche Kampagnen in der Außenwirkung nicht allein in der Ultragruppe aufzuhĂ€ngen, um sie autonomer darstellen zu können.

Am Nachmittag lag der Schwerpunkt in der Frage, wie Identifikation bei Fans entsteht und was wichtig ist, um diese zu erhalten. GrundsĂ€tzlich wurde von allen Teilnehmern der Diskussion bestĂ€tigt, dass frĂŒher wie heute zunĂ€chst das Erlebnis in der Kurve identitĂ€tsstiftend wirkt und dafĂŒr sorgt, dass das Erlebnis „Livefußball“ faszinierend wirkt. Wer das erste Mal auf dem Block stehe, habe sich in der Regel im Vorfeld nicht mit GrĂŒndungsgeschichte, Historie der Vereinsfarben und –wappen oder Strukturen im Verein beschĂ€ftigt, vielmehr werde das Fansein durch die Kurve und die Freundschaften auf dem Block geprĂ€gt, fĂŒr die der Verein zunĂ€chst nur den Rahmen bietet. Erst spĂ€ter, wenn sich die emotionale Bindung an die Kurve gefestigt hat, wĂŒrden die im Verein selbst verankerten IdentitĂ€ten fĂŒr das eigene Fansein bedeutend und machten in gewisser Weise die Unterscheidungsmerkmale zu all den Vereinen aus, zu denen keine emotionale Bindung besteht. Als ausgesprochen positiv wird daher auch von Diskussionsteilnehmern wahrgenommen, dass die Vereinsfarben allmĂ€hlich wieder in den Fanblock, insbesondere in die aktiven Fanszenen, zurĂŒckfinden und das vereinsunabhĂ€ngige, einheitliche Schwarz zumindest in einigen Kurven wieder ablösen könnten.

Ärgerlich sei es fĂŒr alle Fans, wenn der eigene Verein, speziell durch medial aufgegriffenes Fanverhalten, negativ betrachtet wird. Dabei sei es oft sehr schwer, fĂŒr Fans normale Rituale auch Außenstehenden zu vermitteln. Insbesondere, da inzwischen eine so große MedienprĂ€senz vorherrscht, dass mehr Leute Berichte mitbekommen, die frĂŒher mit dem Ligaalltag keine BerĂŒhrungspunkte hatten und heute in TV und Printmedien kaum daran vorbeikommen, jedoch nur einen oberflĂ€chlichen Eindruck vermittelt bekommen. Gerade bei diesen entstehe schnell ein Eindruck vom Stadionalltag, der mit der RealitĂ€t wenig gemein habe und der eher von einem ersten Stadionbesuch abhĂ€lt – der zudem ein Image zeichne, das mitunter in großem Kontrast zur gelebten IdentitĂ€t stehe. Hier gelte es, die Medien auch aktiv stĂ€rker auf positive Ereignisse im Stadion aufmerksam zu machen und positive Berichte zu fördern. Zudem sei es wichtig, Identifikation hochzuhalten und weiterzugeben, um die Einzigartigkeit der Vereine gerade im modernen Fußball zu erhalten und zu verdeutlichen.


5. Thema: Wie schaut der Fußball in Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?

Zu diesem Thema wurde nur am Vormittag ein Diskussionsforum angeboten, das es jedoch in sich hatte. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten von Fans wurden hinterfragt, insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob die 50+1- Regel hierfĂŒr eine Rolle spielt.
Den Einstieg bildeten vier VortrĂ€ge, bei denen Jens Wagner die Strukturen und durch diese gegebene Möglichkeiten der Mitsprache beim Hamburger SV darstellte. Da der HSV bisher keine Ausgliederung vorgenommen hat, seien die Mitgliederrechte außerordentlich wertvoll und die Mitgliederversammlung habe deutlich mehr Einfluss auf die relevanten Entscheidungen als dies bei Vereinen sei, bei denen die Profiabteilung nicht mehr direkt dem Verein angehört.
Martin Kind erlĂ€uterte anschließend die PlĂ€ne, wie eine kontrollierte Öffnung fĂŒr Miteigner ausgestaltet werden könne und wo die rechtlichen Schwierigkeiten bestehen, wenn an der 50+1- Regel wie bisher festgehalten werden sollte. Er plĂ€diert dafĂŒr, dass Vereine selbst entscheiden können sollten, ob und welche Strukturen ihre Zukunft positiv beeinflussen, wobei jedem Verein auch bei einer Lockerung der 50+1- Regel viele eigene Gestaltungsmöglichkeiten gegeben seien. Zudem gebe es viele einschrĂ€nkende Kriterien, die fĂŒr eine Genehmigung durch den DFL- Vorstand zum mehrheitlichen Verkauf von Anteilen in der Diskussion sind. So wĂŒrden u.a. Fit- and Proper- Tests, BeschrĂ€nkung auf nur einen Investor, eine Verpflichtung zum Halt der Anteile ĂŒber mindestens 10 Jahre, der unentgeltliche RĂŒckfall der Anteile im Insolvenzfall oder auch die Verpflichtung zum Markenerhalt und zur Markenpflege diskutiert und sollen dazu beitragen, dass eine willkĂŒrliche oder zu stark mit Eigeninteressen verbundene Übernahme von Mehrheitsanteilen unwahrscheinlich wird. Er sieht immer den Verein in der stĂ€rkeren Position, da dieser der verkaufende Partner ist und damit die Bedingungen bestimmen könne, wenngleich er in der Diskussion einschrĂ€nkt, dass ein Verkauf „mit dem RĂŒcken zur Wand“, also in finanziellen Notlagen, nicht als Paradebeispiel dienen könne. Unsicher ist dabei ebenfalls, ob im Klagefall beispielsweise ein Weiterverkaufsverbot ĂŒber eine bestimmte Zeitdauer oder der automatische RĂŒckfall der Anteile an den Verein bei Insolvenz des Eigners juristisch haltbar wĂ€re.
Zur rechtlichen EinschĂ€tzung der aktuellen Situation konnte RenĂ© Lau (FananwĂ€lte) anschließend in seinem Vortrag detaillierter Auskunft geben – insbesondere thematisierte er die GrĂŒnde fĂŒr die Entscheidung des Schiedsgerichts. Dieses sah in der Stichtagsregelung eine Ungleichbehandlung der Vereine und strich sie mit sofortiger Wirkung aus dem Reglement. Hierdurch muss ein Sponsor nur insgesamt ĂŒber 20 Jahre den Verein „wesentlich unterstĂŒtzt“ haben und dies nicht mehr (wie bisher) bereits 20 Jahre vor dem 1.1.1999 begonnen haben. Diese Öffnung in einem fĂŒr den Fußball sinnvollen und gleichzeitig juristisch haltbaren Reglement wieder zu schließen hĂ€lt er fĂŒr nahezu unmöglich. Umso wichtiger ist ihm, dass jedes Vereinsmitglied darauf hinwirkt, die eigenen Rechte in den Satzungen zu stĂ€rken – und hierĂŒber indirekt einen Ausverkauf der Vereine in Deutschland zu verhindern.
FĂŒr Unsere Kurve sprach anschließend Robert Pohl und stellte noch einmal nĂŒchtern und klar heraus, aus welchen GrĂŒnden die 50+1-Regel so wichtig fĂŒr Vereine und Mitglieder ist und welche Positionen Unsere Kurve vertritt. Die Interessen der Mitglieder- und Fanbasis seien in vorbildlicher Weise am Vereinswohl ausgerichtet und unterlĂ€gen keinerlei persönlichen, finanziellen oder dritten Interessen. Sie schĂŒtzten den Verein somit vor schĂ€dlichen oder sportfremden EinflĂŒssen, bewahrten Traditionen und bildeten seine wirtschaftliche Grundlage. Die 50+1- Regel spiele bei den Möglichkeiten eine große Rolle, die Mitgliedern und den Vereinen selbst geboten werden, um auf Entwicklungen in „ihrem“ Profibereich Einfluss nehmen zu können. Nicht zuletzt, weil in der DFL immer mehr ausgegliederte Kapitalgesellschaften die Muttervereine „vertreten“, denen sie gehören (da die Kapitalgesellschaften meist der Lizenznehmer in der DFL sind). Gehörten nun die Kapitalgesellschaften auch noch mehrheitlich anderen Wirtschaftsunternehmen, so wĂŒrde die DFL nach und nach zu einer Liga, in der sich private Wirtschaftsunternehmen miteinander messen und den „Volkssport Fußball“ endgĂŒltig ad absurdum fĂŒhren.
Die Vereine und ihre Rechte mĂŒssten somit gestĂ€rkt werden statt durch die Öffnung von MehrheitsverkĂ€ufen zusĂ€tzlich unter finanziellen Druck gesetzt zu werden. Die 50+1- Regel ist dabei nicht nur im Faninteresse sondern  – empirisch belegt – auch im Interesse der ĂŒberwiegenden Mehrheit der Vereine in Liga 1-4. Unsere Kurve vertritt daher die Position, dass zum Erreichen einer Gleichbehandlung auf keinen Fall eine generelle Öffnung geschehen darf, sondern dass vielmehr die beiden Ausnahmen, Leverkusen und Wolfsburg, ihre Strukturen zum Gemeinwohl so regulieren sollten, dass die 50+1- Regel fĂŒr alle Vereine beibehalten werden kann. Die gesamte PrĂ€sentation ist hier zum Download eingestellt.

In der anschließenden Diskussion wurden einige mahnende Beispiele aufgefĂŒhrt, die deutlich machen, dass ein sehr starker Einfluss von außen den Vereinen keine dauerhaften Vorteile eingebracht haben. Unter anderem ĂŒber TeBe und Union Berlin berichteten Fans, wie die EinflĂŒsse von außen zum Zusammenbruch fĂŒhrten, ĂŒber das „FlĂŒchten“ der Verantwortlichen und den schwierigen Wiederaufbau durch die Fanbasis.
Damit Faninteressen nicht erst gehört werden, wenn es schon (fast) zu spĂ€t ist, sei es wichtig, dass sich Fans organisiert im Verein einbringen und in den Satzungen ihre Rechte fest verankern. Hierzu zĂ€hlen fĂŒr ein weiteres anwesendes Unsere Kurve- Mitglied insbesondere die Einbeziehung in Entscheidungsprozesse, die Vorgabe, dass AnteilsverfĂŒgungen und Kapitalerhöhung nur nach Zustimmung eines hohen Mitgliederquorums in der Vereinsversammlung geschehen dĂŒrfen und dass in der Satzung festgeschrieben ist, wie viele Anteile und wie viele Stimmrechte dem Verein gehören mĂŒssen, wenn dieser ausgegliederte Tochtergesellschaften besitzt.
Außerdem wies ein Diskussionsteilnehmer darauf hin, dass derzeit ein neuer Trend um sich zu greifen scheint, bei dem Vereine fremdfinanzierte Spieler verpflichten, dafĂŒr jedoch auch mögliche Transfererlöse an diesen Spielern abtritt. FĂŒr den Moment der Verpflichtung möge das ein attraktiv erscheinender Weg zur Kaderverbesserung mit Hilfe von UnterstĂŒtzern sein, langfristig gehe den Vereinen und dem Fußball als Ganzes jedoch viel Geld verloren, das stattdessen auf die Konten finanzstarker Unternehmen fließe. Diese Entwicklung solle auch von Fans und Mitgliedern kritischer hinterfragt werden, selbst wenn der Verein im ersten Moment einen Wettbewerbsvorteil zu haben scheint.

Bielefeld ist in der Diskussion ebenfalls thematisiert worden, sei bei den zuvor dargestellten Überlegungen und Grundsatzfragen derzeit jedoch kein gutes Beispiel. Dies habe zwei wesentliche GrĂŒnde: Zum Einen hĂ€tten hier die Vereinsmechanismen selbst versagt und kein Außenstehender habe Arminia in die Schuldenfalle getrieben – zum Anderen sei seit etwa zwei Jahren immer wieder die Situation „mit dem RĂŒcken zur Wand“, die die vereinseigene Handlungs- und Entscheidungsfreiheit in gewisser Weise einschrĂ€nke. Wie schon Martin Kind ziemlich zu Beginn der Diskussionen einrĂ€umte, kann ein Verein in solchen Situationen durchaus gezwungen sein, auch gegen die eigenen Vorstellungen Bedingungen und Maßnahmen zu akzeptieren, die ohne finanziellen Druck als inakzeptabel abgelehnt wĂŒrden.
Am Beispiel Bielefeld wurde in der Diskussion vielmehr darauf hingewiesen, dass eine Öffnung der 50+1- Regel zwar den „gesunden“ Vereinen selbstbestimmte HandlungsspielrĂ€ume eröffne, andere Vereine jedoch unter zusĂ€tzlichen Druck gestellt wĂŒrden. Dabei wurde auf weitere Vereine hingewiesen, die derzeit finanziell angeschlagen sind und dass die Gefahr bei geöffneter 50+1- Regel eher von diesen angeschlagenen Vereinen ausginge, wenn man den Ligawettbewerb in Deutschland als Ganzes betrachte. WĂ€ren diese auf finanzielle Hilfe von außen angewiesen, könnten sie die Bedingungen wahrscheinlich nicht selbst definieren und mĂŒssten die Bedingungen der UnterstĂŒtzer akzeptieren, die sich verstĂ€ndlicherweise die Bedingungen wĂŒnschen wĂŒrden, die den grĂ¶ĂŸtmöglichen eigenen Einfluss ermöglichen: die Übernahme der Mehrheitsanteile. Es drohe somit eine schleichende Übernahmewelle, die von unten beginnt. Nichtsdestotrotz sei es gerade fĂŒr finanziell angeschlagene Vereine wichtig, dass Fan- und Mitgliederinteressen stĂ€rker berĂŒcksichtigt werden, damit Identifikation und das Interesse am Vereinswohl effektiver als Schutz in Entscheidungen einfließen können und die Bindung der Fan- und Mitgliederbasis auch in schwierigen Zeiten erhalten bleibe.

6. Thema: „Rechtsfreier Raum“ Stadion?

Am Vormittag ging es in diesem Forum um den Datenschutz. Rund um den Fußball habe sich in Deutschland ein fragwĂŒrdiger Umgang mit Daten etabliert, wobei durch die oft in rechtlichen Grauzonen praktizierte Weitergabe und Nutzung von Daten Grundrechte massiv eingeschrĂ€nkt wĂŒrden. Es wurden Beispiele vorgestellt, wie sich Fans gegen den Missbrauch von Daten erfolgreich zur Wehr gesetzt haben:

Nachmittags widmete sich das Forum der öffentlichen Dramatisierung unter dem Motto „Wir waren beim Fußball und haben es ĂŒberlebt“. Leider hatte die ZIS kurzfristig beschlossen, dass der eingeladene Vertreter nicht beim Kongress vor Ort sein sollte, sodass ein wichtiger Adressat fehlte. Er hĂ€tte zudem zur statistischen Datenerhebung, u.a. zur nicht stattfindenden Differenzierung von Verletztenzahlen (z.B. nach Fangewalt, Pfefferspray, Unfall) wichtige BeitrĂ€ge geben können, so aber konnten die bestehenden Fragen nicht klĂ€rend diskutiert werden. Die Anwesenden waren sich im Diskussionsverlauf einig, dass die RealitĂ€t in den Stadien sich in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich verbessert hat – ein Kongress wie jetzt in Berlin sei in den 80ern vollkommen undenkbar gewesen. Selbst wenn viele Stellen etwas anderes zu vermitteln suchten, begebe sich niemand in besondere Gefahr, wenn er ein Fußballspiel besuche. Rund um die Stadien sei frĂŒher deutlich mehr Gewalt an der Tagesordnung gewesen, allerdings sei damals der öffentliche Focus nicht so stark darauf ausgerichtet gewesen.

7. Thema: Der Internationale Teil am Sonntag hatte fĂŒnf parallel stattfindende Foren, in denen es um die Situation in anderen europĂ€ischen LĂ€ndern ging:

Insgesamt waren die Tage in Berlin sehr abwechslungsreich und mit interessanten Diskussionen gefĂŒllt – insbesondere fĂŒr die Zusammenarbeit der Fans in Deutschland (zum Teil auch ĂŒber Deutschland hinaus) war der Kongress in unserer EinschĂ€tzung ein wichtiger Schritt. ProFans hat eine tolle Veranstaltung organisiert, bei der alle Anwesenden Neues erfahren und sich austauschen konnten. Durch die sehr guten Referenten wurde zudem viel Wissen in den Kongress hineingebracht, was die Diskussionen durchweg positiv beeinflusst hat. Dass Martin Kind zu der Diskussion in einem solchen Rahmen bereit war, verdient in jedem Fall Respekt – nicht alle offiziellen Stellen haben sich dem Dialog beim Fankongress stellen wollen. Was wiederum mitunter schade fĂŒr die Foren war.

Wir freuen uns nach wie vor, dabei gewesen zu sein und hoffen, dass sich (auch) aus dem Kongress weitere positive Entwicklungen fĂŒr die vereinsĂŒbergreifende Zusammenarbeit entwickeln werden.